Nach fast 4 Monaten mit Hauptwerk glaube ich erkannt zu haben, was mein grundlegender Denkfehler bei der Intonation meiner Physis-Orgel war:
Ich dachte, wenn jedes Register einzeln für mich optimal klingt, dann muss auch die Orgel als Ganzes umso besser klingen. Wenn ich mir aber Hauptwerk-Samplesets anschaue bzw. anhöre, die ein wunderschönes Plenum haben, dann klingen die Prinzipale einzeln keineswegs "perfekt", aber sie ergeben zusammen ein herrliches Plenum und das ist eben die Kunst dabei.
Ich glaube, wenn ich mich irgendwann nochmal auf die Intonation einer Digitalorgel einlassen sollte, dann würde ich es jetzt anders angehen.
Zitat von Bartpfeife im Beitrag Die Herausforderung, eine alte Physis-Orgel genauso gut klingen zu lassen wie Hauptwerk Damit meine ich a) die Lautstärkerelation sowohl zwischen verschiedenen Tönen des gleichen Registers als auch zwischen Tönen verschiedener Register auf der gleichen Taste, b) die Tonhöhenrelation, nämlich eine geringfügige Verstimmung zwischen den Tönen verschiedener Register auf der gleichen Taste (was Du wohl mit "natürlicher Verstimmung" bezeichnest). Beides ist bei älteren Sampling-Orgeln (und ich vermute: auch bei Physis-Orgeln) völlig falsch eingestellt, aber absolut essentiell für die Klangwirkung der Orgel: Die Einzeltöne können völlig "echt" wirken, aber die Klangwirkung insgesamt wirkt "künstlich", unecht, wenn diese Relationen nicht stimmen.
Wie sehr kleine Veränderungen der Tonhöhenrelationen den Klang beeinflussen, kann man ganz einfach demonstrieren an einer Grandjeu-Registrierung (Trompeten 8', 4', Cornet 5f., ein paar Grundregister 8', 4', möglichst gekoppelt mit Positiv Cromhorne 8 und Grundregister 8', 4', evtl auch Nasard und Terz). Spielt man dies in gleichschwebender Stimmung, wirkt es überhaupt nicht echt. Spielt man es auf derselben Hauptwerksorgel oder Digitalorgel in mitteltöniger Stimmung, klingt es völlig anders, viel weniger rauh, und sehr viel "echter".
Ich bin eigentlich immer davon ausgegangen, dass die verschiedenen Töne eines Registers im Idealfall ungefähr gleich laut sein sollten oder meinst du, das wäre bereits unnatürlich ?
Das hängt ganz von dem Register ab, ob die Töne ungefähr gleichlaut sein müssen! Bei Prinzipalchorregistern kommt das meistens ungefähr hin, aber beim Bourdon 16' im Manual muss der Bass merklich leiser sein als der Diskant, das Cornet 5f. (nach französischem Vorbild bei f oder c' beginnend) muss nach oben hin deutlich zunehmen, Flöten sind auch oft diskantbetont, alle vollbecherigen Zungenstimmen haben einen sehr kräftigen Bass und werden natürlicherweise zum Diskant hin deutlich leiser - und so fort.
Diese registertypischen Lautstärkeverläufe vom Baß zum Diskant sind das eine Problem. Das zweite Problem ist: In der Werksintonation älterer Sampling-Orgeln sind die meisten Register vom Bass zu Diskant auf den gleichen Verstärkungswert im Intonationsprogramm gesetzt. Dieser Verstärkungswert entspricht aber mitnichten der wahrgenommenen Lautstärke! Die ist dann typischerweise im Bass viel zu gering - zumindest habe ich es so bei meiner Johannus von 2005 beobachtet. Um ein Gleichgewicht zwischen Bass und Diskant zu schaffen, musste ich in sehr vielen Registern den Verstärkungswert im Bass deutlich anheben gegenüber dem Diskant - ganz besonders extrem natürlich bei den vollbecherigen Zungenstimmen, bei denen der Bass lauter sein muss als der Diskant. Diese von Bass zum Diskant abfallende Verstärkungslinie musste ich dann auch noch versehen mit lokalen Minima und Maxima, um relativ schwache Töne des Samples zu verstärken oder Resonanzfrequenzen des Raumes oder des Abstrahlungssystems abzuschwächen, um so annähernd gleich wahrgenommene Lautstärken herzustellen.
Nur mit dem Physis-Editor kann man die Lautstärke und Verstimmung jedes Registers mit jedem Ton wohl einstellen. Aber das ist dann wirklich eine herausfordernde Arbeit.
Aber ist es denn wirklich notwendig, die Lautstärke für jeden Ton einzeln einzustellen ? Einen auf- oder absteigenden Lautstärke-Verlauf kann man auch mit dem internen Voicing-Tool der Orgel ganz gut einstellen.