Sorry, das ist nun wirklich Unsinn! Wenn ein Spitzenmusiker wie John Scott Whiteley Cochereau-Improvisationen oder einer wie Maurice Duruflé Tournemire-Improvisationen niederschreibt, und diese Niederschriften dann von Spitzenorganisten gespielt werden (wer soetwas gut spielen kann, ist ein Spitzenorganist, andere können soetwas gar nicht ausführen), dann ist das definitiv ein Beweis für allerhöchste Qualität. Das zu vergleichen mit Amateuren, die Pop-Songs nach Gehör nachspielen, ist absolut unangebracht. Ich breche an dieser Stelle die Diskussion ab.
Zitat von Bartpfeife im Beitrag #51Sorry, das ist nun wirklich Unsinn! Wenn ein Spitzenmusiker wie John Scott Whiteley Cochereau-Improvisationen oder einer wie Maurice Duruflé Tournemire-Improvisationen niederschreibt,
Dann haben wir erst einmal nur die Notiz was ein anderer gehört haben will und nicht unbedingt das was jemand tatsächlich gespielt hat...
Improvisationen nachspielen ist ohnehin immer schwer. Ich bin nun wirklich kein Experte bei der Improvisation, aber spiele ich eine als midi ein und lade diese in einer Notation, dann kann selbst ich das nicht mehr akkurat vom Blatt spielen. Die Module die man sich über die Jahre erarbeitet sind für einen selbst logisch und in Fleisch und Blut übergegangen und man versteht die meist einfache Logik dahinter. Spiele schnelle Läufe über alle Tasten oder mal Cluster, du kannst das nicht mehr sinnvoll in einer Notation darstellen...
Es gibt so einige notierte Improvisationen, zumindest die ich kenne will man nicht mehr spielen... Viel Mühe für meist wenig Ergebnis.
Aber klar, wenn jemand zeigen will dass er es kann, dann soll er es machen und hoffentlich Spaß dabei haben. Man muss dabei auch immer daran denken, die so etwas spielen sind nicht zwingend total genial, sondern sie werden sehr gut dafür bezahlt täglich seit Jahren 12 Stunden zu trainieren. Mit Spaß hat das aber oft nicht mehr viel zutun...
Ganz abgesehen davon: Es gibt vielleicht die Versuchung, so etwas aufzuschreiben, wenn man sehr gut in Gehörbildung ist. Das kann eine Anregung für eigene Improvisationen sein. Zu Zeiten von Tournemire war die Versuchung aufgrund die neuen technischen Möglichkeiten vielleicht besonders groß.
Duruflé ein Spitzenmusiker? Jein, das kommt eben darauf an, was man sich anschaut. Die Kompositionen sind zeitlos. Allerdings würde er mit diesem Couperin heute durch jede Aufnahmeprüfung fallen: https://www.youtube.com/watch?v=0x4aUX7A...w&start_radio=1 Stil der Zeit halt, so wollte man es. Nach heutigen Maßstäben nur mäßig musikalisch.
Ich habe öfters aufgeschriebene Improvisationen im Konzert gehört...Gut gemacht, z.B. von Stephen Tharp. Jedes Mal habe ich mir gewünscht, er hätte etwas anderes gespielt. Und die Tatsache, dass jemand hervorragend und sicher spielt, heißt nicht, dass derjenige eine glückliche Hand für Programme hat.
Grundsätzlich halte ich es immer noch für Unfug, die Qualität einer Komposition anhand ihrer Rezeptionsgeschichte zu beurteilen.
Ich finde vergleichende Qualitätsurteile bei modernen Improvisationen immer problematisch, aus dem einfachen Grund, weil es bei Kompositionen und (gerade bei modernen) Improvisationen (anders als bei Interpretationen) kaum objektive Qualitätskriterien gibt, denn wie sollten diese aussehen ?
Ein hoher Bekanntheitsgrad und die Notation von Improvisationen durch einen prominenten Organisten sind zweifellos eine große Ehre, trotzdem würde ich daraus nicht schließen, dass diese Improvisationen zwangsläufig "besser" sein müssen als jene eines weniger bekannten Improvisators. Es gibt immer mehrere Gründe für einen hohen oder weniger hohen Bekanntheitsgrad und es hat immer Leute gegeben, die sich einfach besser vermarkten konnten als andere, weil sie z.B. "geschäftstüchtiger" waren. Man denke z.B. daran, dass zu Bachs Lebzeiten sein Zeitgenosse Georg Friedrich Händel wesentlich bekannter und auch kommerziell unvergleichlich erfolgreicher war als Bach, aber kann man deshalb sagen "Händel war besser als Bach, weil er berühmter und erfolgreicher war !" ? (Abgesehen davon hat sich posthum der Berühmtheitsgrad eher zu Bachs Gunsten verschoben.)
Auch aus der Tatsache, dass ein Stück schwer zu spielen ist, also große Spieltechnik in Fingern und Füßen und deren Koordination erfordert, würde ich nicht ableiten, dass es deshalb auch musikalisch besser sein muss, denn es gibt so großartige Musikstücke, die spieltechnisch moderat und sogar leicht sein können und andere, die wirklich schwer zu spielen sind, aber mich nie dazu verlocken könnten, sie zu üben, weil sie mir einfach nicht gefallen.
Ich glaube niemand, der einen bestimmten Improvisator besonders gut findet und hier seine Aufnahmen verlinkt, wird es gern lesen, wenn daraufhin ein Anderer schreibt: "Er gehört aber nicht zu den ganz großen und sein Zeitgenosse C... war qualitativ besser." Sowas erzeugt immer ein Gefühl von Ärger und Provokation bei Ersterem und so gut wie jeder wird dann in der Rolle des Ersteren natürlich sein Idol verteidigen. Stattdessen würde ich eher sagen: "Mir gefällt C... deutlich besser." oder allenfalls "Ich halte C... für den besseren Improvisator."