Meine Frau ist seit kurzem hauptamtliche Organistin in einer Kirche in Italien. Die dortige Orgel stammt von 1809 und Ende letzten Jahres wurde eine quasi Totalrestaurierung fertiggestellt. Folglich hapert es natürlich anfangs hier und da noch, so dass man selber kurz mal Hand anlegen muss.
Was aber nun doch wohl eines Fachmannes bedarf: Die Windkanäle werden undicht. Dies ist zumindest an einem oder zwei Übergängen (wo die Kästen im Winkel aneinander gesetzt sind) der Fall.
Und hier haben wir Zweifel, ob die Arbeiten von Anfang an überhaupt fachgerecht ausgeführt wurden. Eine vor kurzer Zeit erfolgte "Not"abdichtung, nachdem durch die ausströmende Luft auch ein Dauerton entstand, ist es sicherlich nicht: Mit (silberfarbenem) Duct-Tape hat man mehrlagig alles umwickelt. Nach zwei Wochen hatte sich das Band erstmalig abgelöst; beim letzten Spielen musste meine Frau während der Spielpausen dreimal in die Orgel klettern und das flatternde Band anpressen, damit wieder ein Weilchen Ruhe herrschte.
Unsere Frage an euch: Wie wird (heutzutage) ordnungsgemäß die Abdichtung der Windkanäle gemacht? Mit Papier und/oder Leder, mit Knochen-/Fischleim ... oder ... ? Im Internet finde ich so gut wie nichts, wenn es ins Detail gehen soll.
Man sollte aber auch bedenken, dass Italien eben Italien ist, was bedeutet, dass man gerne "praktische" Lösungen sucht, im Sinne von einfach und ökonomisch. Ich will nicht damit sagen, das dies unbedingt schlecht sein muss. Für italienische Standards mag das durchaus eine "ordnungsgemäße" Ausführung sein.
Nur in diesem Fall ...
Danke für alle Informationen, denn wenn demnächst (hoffentlich) der Orgelbauer kommt, hätten wir gerne etwas Hintergrundwissen, um besser argumentieren zu können, inwiefern vielleicht von Anfang an eine mangelhafte Arbeitsausführung vorliegt.
Bei einer Orgel diesen Baujahrs würde ich eine stumpfe Verbindung der Kanäle erwarten, die von außen mit einem Lederstreifen abgedichtet ist, der mit Warmleim geklebt wurde. Diese Bauweise hat den Vorteil, dass die Verbindungen nicht ganz so steif sind, sondern auch mal ein paar leichte Bewegungen im Kanal ohne Beschädigung überleben.
Im Töpfer-Smets, Lehrbuch der Orgelbaukunst, S. 551 wird empfohlen, Kanäle mit Nut und Feder zusammenzufügen, sowohl die Bretter jedes einzelnen Kanalteilstücks mit quadratischem Querschnitt, als auch Kanalstücke, die im stumpfen Winkel aneinandergefügt werden sollen. Die Kanalstücke werden von innen abgedichtet, indem vor dem Zusammensetzen sehr festes Papier oder Pergament mit Leim auf die Innenseiten der Wände geklebt wird, nach dem Zusammensetzen eines Teilstücks werden die inneren Winkel mit Leim ausgegossen. Beim Zusammensetzen zweier Teilstücke im Winkel werden anschließend die Verbindungsstellen mit Leder, Leinen oder Papier überklebt. In Italien wurde meines Wissens viel mit Papier als Abdichtung gearbeitet, z.B. wurden Springladen von unten mit Papier abgedichtet, weil dies nachträglich ein einfaches Aufschneiden der Papierabdichtung ermöglicht, wenn man später zur Fehlerbeseitigung an die Federn und Ventile in den Kanzellen gelangen musste. Gut möglich, dass in Italien auch die Kanalwinkel von außen mit Papier abgedichtet wurden. Auf die Leimsorte geht Töpfer-Smets nicht ein; in der Regel dürfte Warmleim (Glutinleim) gemeint sein. Zu den Leimsorten, ihren Vor- und Nachteilen siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Holzleim
Also, es gibt ganz hervorragende Orgelbauer in Italien. Da zu sagen, naja, das ist da halt so, halte ich für falsch. Wenn da kürzlich Arbeiten ausgeführt wurden, müsste es eine Gewährleistung geben. Da muss dann der ausführende Orgelbauer mal nacharbeiten. Wer da selbst Hand anlegt, verspielt evtl. die Gewährleistung.
Zitat von Vito im Beitrag #1Die Windkanäle werden undicht. Dies ist zumindest an einem oder zwei Übergängen (wo die Kästen im Winkel aneinander gesetzt sind) der Fall.
Noch ein Hinweis: Der im Orgelbau allgemein übliche Warmleim ist feuchtigkeitsempfindlich, das heißt, durch Feuchtigkeit kann die geklebte Verbindung gelöst werden. Ist die betreffende Stelle des Windkanals vielleicht einmal feucht geworden? Es hat erhebliche Regen-Unwetter in Italien in der letzten Zeit gegeben! In den Werkstattnotizen von Ignaz Bruder (1780-1845) wird Hausenblasenleim (hergestellt aus getrockneten Schwimmblasen des Hausen = Beluga, eine Stör-Art), als bester Leim empfohlen, weil er auch an feuchten Orten funktioniert. Er könne auch mit "Kölner Leim" (ein Leim aus Haut- und Lederresten) gemischt werden.
Ganz herzlichen Dank für die vielen, sehr informativen Antworten.
Zunächst (noch) eine Anmerkung zu meinem Kommentar, dass in Italien gerne "praktische und ökonomische" Lösungen gesucht werden.
Nein, damit will ich nicht sagen, dass generell die Handwerkerschaft es sich einfach macht. Es gibt in jeder Branche ausgezeichnete Firmen - aber leider auch viele schwarze Schafe, und davon m.M.n. deutlich mehr als Deutschland.
Natürlich gibt es auch Gewährleistung bzw. Garantie. Diese tatsächlich zu erhalten (wenn bereits alles bezahlt) ist aber - sehr oft! - eine andere Sache. Italien ist kein Land, wo man eben mal was einklagen kann. Prozesse ziehen sich über Jahre und was danach mit der Firma ist ... also vergessen wir es. Es läuft hier eher anders. Über die Reputation der Firma, wenn sie Reputation hat ... Oder indem man regelmäßig auf ihrer nächsten Baustelle aufkreuzt ... und sich mit dem Bauherren unterhält ... Also viel subtiler ... und dann aber auch erfolgreich. Nur ein Beispiel: Bei uns hatte nach vollendeten Bauarbeiten der Unternehmer - zur Kostenersparnis bei ihm - monatelang seinen Baukran bei uns im Garten "geparkt". Entfernt hatte er ihn schließlich, weil unser Nachbar ihm einen "Wink" gab: Der Nachbar war Automechaniker und der Bauunternehmer hatte dort seinen Wagen zur Reparatur ... Als der Kran weg war, ging es mit der Reparatur zügig voran ...
-----
Aber ich bin vom Thema abgekommen (um zu zeigen, dass Italien etwas anders "tickt").
Was die Orgel betrifft: Die ausführende Firma hat sich bisher noch nicht um die Sache gekümmert. Fragt mich nicht, warum nicht. Das weiß nur der Pfarrer. Inwieweit er Druck macht, Druck machen kann oder nicht oder nicht will. Wir kennen die Hintergründe nicht, was sich dahinter für ein Beziehungsgeflecht verbirgt.
Diese Not"reparatur" mit Klebeband hatte eine andere, schnell herbeigerufene Firma gemacht. Und der Stand ist immer noch unbefriedigend, ungelöst. Wir selbst hatten - gemeinsam mit Pfarrer - auch mit Panzertape die "Situation verbessert", aber das Grundproblem bleibt: im Innenwinkel löst es sich nach gewisser Zeit immer wieder ab.