Grüß euch, meine etwas provokante Frage ist selbstverständlich freundlich gemeint.
Mich würde eure Sicht, euer Wissen über die verschiedensten musikalischen Formen an der Orgel wie Ritornell, Concertino, Sarabande usw.usf. und aus welchen Epochen sie stammen, interessieren. Die Frage ist voll umfänglich gemeint, es soll hier alles Platz haben. Gerne auch Hörbeispiele oder Notenhinweise. Auch wäre interessant, zu welchen Gelegenheiten und wie etwas gespielt werden soll. Natürlich kann man auch ein Buch darüber kaufen, aber hier im Forum sind ja OrganistInnen, die Praktisches weitergeben können.
Die Begriffe, die Du nennst – Ritornell, Concertino und Sarabande – stammen überwiegend aus der musikalischen Epoche des Barocks (ca. 1600-1750). Ritornell • Epoche: Barock. Der Begriff leitet sich vom italienischen „ritornare“ (wiederkehren) ab. • Was es ist: Ursprünglich bezeichnete der Ritornell einen kurzen, wiederkehrenden Instrumentalabschnitt in Vokalwerken (Arien, Kantaten, Opern). Im Barockkonzert entwickelte sich daraus die Ritornellform, bei der das Hauptthema vom gesamten Orchester (Tutti) wiedergegeben wird und in variierter Form zwischen den Solo-Abschnitten (dem „Concertino“) wiederkehrt. Dies dient der Gliederung des Stücks und erzeugt einen Kontrast zwischen Tutti und Solo. • An der Orgel: An der Orgel findet man das Ritornell oft in den Konzerten von Johann Sebastian Bach, die er nach Vorbildern von Vivaldi für Orgel solo oder Orgel und Orchester bearbeitet hat. Hier übernimmt die Orgel selbst beide Rollen: Ein Manual spielt den vollen Tutti-Part (Ritornell), während ein anderes Manual mit einer Solostimme den Concertino-Part ausführt. • Gelegenheit und Spielweise: Ritornelle in Orgelwerken sollten kraftvoll und voll registriert gespielt werden, um den Klang des gesamten Ensembles zu imitieren (z. B. mit 8', 4' und 2' Registern oder einem Plenum). Sie dienen als festlicher Einzug oder als Zwischenspiel in Gottesdiensten und Konzerten. Concertino • Epoche: Barock, insbesondere im Concerto grosso und in der frühen Klassik. • Was es ist: Das Concertino (ital. „kleines Konzert“) ist die Solistengruppe im Concerto grosso. Es steht im musikalischen Dialog mit dem größeren Orchester (dem „Ripieno“ oder „Tutti“). • An der Orgel: Wie beim Ritornell übernimmt der Organist beide Rollen. Das Concertino wird durch eine Solostimme auf einem kontrastierenden, oft leiseren Manual (z. B. mit einem charakteristischen Soloregister wie einer Oboe, Trompete oder Flöte) dargestellt. Es ist der virtuose Teil des Stücks. • Gelegenheit und Spielweise: Die Spielweise des Concertino ist im Gegensatz zum Ritornell meist virtuoser und melodischer. Es bietet dem Organisten die Möglichkeit, eine Solostimme hervorzuheben und mit dem „Orchesterklang“ des Ritornells zu kontrastieren. Es kann als Einzugs- oder Auszugsmusik im Gottesdienst verwendet werden. Sarabande • Epoche: Barock. Der Tanz hat seinen Ursprung in Spanien oder Lateinamerika, wurde aber im 17. Jahrhundert in Frankreich und England zu einem festen Bestandteil der Barocksuite stilisiert. • Was es ist: Die Sarabande ist ein feierlicher, langsamer Tanz im 3/4-Takt, der oft durch eine besondere Betonung auf dem zweiten Schlag gekennzeichnet ist. Sie ist typischerweise der dritte Satz einer Suite, die aus einer Abfolge von stilisierten Tänzen besteht (z. B. Allemande - Courante - Sarabande - Gigue). • An der Orgel: Viele Sarabanden wurden für Tasteninstrumente, darunter die Orgel, komponiert oder bearbeitet. Sie sind oft schlicht und harmonisch tiefgründig. Ein bekanntes Beispiel ist die Sarabande aus der Cembalo-Suite Nr. 4 in d-Moll, HWV 437, von Georg Friedrich Händel. • Gelegenheit und Spielweise: Die Sarabande wird meist andächtig und ruhig gespielt. An der Orgel können zarte Registrierungen (z. B. Flöten, Streicher, oder ruhige 8'-Stimmen) verwendet werden. Die Sarabande eignet sich perfekt für meditative Momente im Gottesdienst, als Musik zur Kommunion oder als ruhiges Nachspiel. Hörbeispiele und Notenhinweise • Ritornell und Concertino: Werk: Johann Sebastian Bach, Orgelkonzert a-Moll, BWV 593 (nach Vivaldi). Hinweis: In diesem Werk ist der Kontrast zwischen den vollen, kraftvollen Tutti-Abschnitten und den virtuosen Solo-Passagen sehr deutlich. Die Noten sind in jeder Gesamtausgabe von Bachs Orgelwerken zu finden. Hörbeispiel: Suche auf YouTube nach "Bach BWV 593" oder "Orgelkonzert a-Moll Bach". Es gibt unzählige Aufnahmen von bekannten Organisten. • Sarabande: Werk: Georg Friedrich Händel, Sarabande aus der Cembalo-Suite in d-Moll, HWV 437. Hinweis: Dieses Stück, bekannt aus dem Film "Barry Lyndon", wurde für Orgel bearbeitet und ist in verschiedenen Sammlungen von Barockmusik für Orgel zu finden. Hörbeispiel: Suche nach "Händel Sarabande Orgel". Auch dieses Stück gibt es in vielen Aufnahmen.
Aber: Die erfahreren Organisten hier werden sicher noch viel mehr und qualifizierter auf Deine Frage(n) antworten können!
Zitat von Lupus im Beitrag #2 • Sarabande: Werk: Georg Friedrich Händel, Sarabande aus der Cembalo-Suite in d-Moll, HWV 437. Hinweis: Dieses Stück, bekannt aus dem Film "Barry Lyndon", wurde für Orgel bearbeitet und ist in verschiedenen Sammlungen von Barockmusik für Orgel zu finden. Hörbeispiel: Suche nach "Händel Sarabande Orgel". Auch dieses Stück gibt es in vielen Aufnahmen.
In diesem Fall finde ich aber eine Bearbeitung für Orgel eigentlich überflüssig, weil sich das Stück bereits so, wie es ist, perfekt und ganz originalgetreu auf der Orgel darstellen lässt. Auch ich habe bei meiner Aufnahme der Sarabande die originale Cembalo-Version gespielt und nur am Anfang die Bass-Stimme ins Pedal genommen:
Zitat von Lupus im Beitrag #2Aber: Die erfahreren Organisten hier werden sicher noch viel mehr und qualifizierter auf Deine Frage(n) antworten können!
Zitat von Irene im Beitrag #1und wie etwas gespielt werden soll.
Für diese Frage wäre ein Lehrer wirklich geeigneter als ein Forum...
Inwiefern sind diese Formen an der Orgel anders als an anderen Instrumenten? Edit: ah, okay, ich seh grad Lupus' Antwort. Also instrumentspezifische Umsetzung und Eigenheiten.
Ich frag jetzt ebenso provokant zurück: hast du eh schon gegoogelt?
Zitat von Irene im Beitrag #1 Mich würde eure Sicht, euer Wissen über die verschiedensten musikalischen Formen an der Orgel wie Ritornell, Concertino, Sarabande usw.usf. und aus welchen Epochen sie stammen, interessieren. Die Frage ist voll umfänglich gemeint, es soll hier alles Platz haben. Gerne auch Hörbeispiele oder Notenhinweise. Auch wäre interessant, zu welchen Gelegenheiten und wie etwas gespielt werden soll. Natürlich kann man auch ein Buch darüber kaufen, aber hier im Forum sind ja OrganistInnen, die Praktisches weitergeben können.
Ich empfehle, musikalische Fachbegriffe wie Ritornell, Concertino, Sarabande - und unzählige andere - einfach in Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Hauptseite nachzuschlagen, meistens gibt es dort sehr informative Artikel zu diesen Begriffen. Und wenn das noch nicht reichen sollte: Dann kann man in Bibliotheken in der Enzyklopädie "Musik in Geschichte und Gegenwart" nachschlagen, wo alle musikalischen Fachbegriffe noch gründlicher und kompetenter erläutert werden.
Vielleicht ist es nicht ganz doof, ein paar grundsätzliche Aspekte der Formenlehre zu betrachten. Ich breche mal auf Forumslänge herunter:
1. A-B-A Form: ist im Prinzip selbsterklärend. In Reinform oft bei Charakterstücken oder z.B. Schuberts Impromptus für Klavier. In der Orgelmusik auch bei Scherzo-Sätzen oder langsamen Sätzen einer Sonate. 1.1. eine Unterform: da-capo-Arie 1.2. eine weitere Unterform: der Suitensatz. Wenn man z.B. Bachs französische Suiten betrachtet, ist der A-Teil bis zum Wdh.-Zeichen. Dann gibt es einen zweiten Teil, der länger ist als der erste und ganz oft zum Schluss die Idee des Anfangs aufgreift. Übersichtliches Beispiel: Gavotte aus der G-Dur Suite. Hier ist mit der Modulation zur D oder tP am Wiederholungszeichen schon der nächste Schritt angelegt: 1.3. die Sonatensatzform. Entsteht aus dem Suitensatz durch Hinzufügen eines zweiten Themas. Zu finden bei Sonaten und Sinfonien, auch in der Orgelmusik.
2. die Erweiterung von 1. als Reihungsform: A B A C A. Dann haben wir ein Rondo mit Ritornell.
3. Prinzip Fuge mit Imitationen. Keine echte "Form", eher ein Kompositionsprinzip. Kommt natürlich häufig auf der Orgel vor.
4. Prinzip Variation. Ein Thema wird immer wieder verändert, also A A' A'' A''' usw. In einfacher Form zu finden bei den Chorpartiten von Pachelbel. Bei Regers wundervollen fis-moll Variationen liegt der Fall natürlich etwas komplexer.
Ich glaube, damit sind so die wesentlichen Formprinzipien abgedeckt.