Zu Ton Koopmans Interpretation: Die fand ich auch etwas fahrig und unkonzentriert. Aber davon abgesehen, macht Koopman genau das, was man im Barock so machte, Triller hier, Mordent da, etc. Ich hatte darüber mal einen interessanten Austausch mit Leon Berben, der sagte, dass man in Bachs Zeiten und davor, die Notenausgaben mehr als Gerüst ansah, und diese in einem Maße auszierte, die wir uns heute nicht mehr vorstellen können. Neulich konnte ich mich selbst davon überzeugen, als im Radio das berühmte Miserere von Allegri in einer rekonstruierten Fassung gesendet wurde. Jede Stimme verzierte im Verlauf des Werkes mit Trillern, Melismen etc. Das gab einen unglaublichen Effekt, der die mir bis dahin bekannte Fassung gerade zu blass aussehen ließ.
Ich nehme an, MAT spricht von der Aufnahme, die Andrew Parrott mit dem Taverner Consort 1987 gemacht hat. Dieser hat mit Hilfe zahlreicher aus dem frühen 19. Jahrhundert stammender Versionen mit ausgeschriebenen Verzierungen musikalische Archäologie betrieben und eine Fassung geschaffen, welche die progressive Entwicklung des Stücks vom einfachen Gesang bis zur Apotheose des 19. Jahrhunderts präsentiert; d.h. die einzelnen Verse werden in zunehmend ausgezierten Versionen aus verschiedenen Quellen dargeboten.
Die heute für gewöhnlich aufgeführte Fassung des Miserere von Allegri ist dagegen eine Art Chimäre: Sie datiert aus den 1930er Jahren und entstand aus einem unglücklichen Missverständnis jener Skizze, in der Mendelssohn die Verzierungen festgehalten hatte.
Nein Parrott war es nicht. Es war ein Franzose. Das ganze lief auf npo-klassiek, einem niederländischen Klassiksender, am letzten Sonntagmorgen in der Sendung "Tussen hebel en aarde".
Hier ist der Link zur Sendung, die wie immer ausgesprochen hörenswert ist. Das Miserere beginnt ungefähr bei 32:50. Ich empfehle Kopfhörer. Es ist ein unglaublicher Sound. Quelle: NPO Klassiek https://share.google/fQUcRnS8GSwxxqkK1
Ja, spannend ... aber mir sind, offen gestanden, die historisch überlieferten Fassungen, die Parrott verwendet, lieber als diese modernen Nachäffungen, so wie mir ein echtes Gemälde von z.B. Max Ernst alle mal lieber ist als eine (zugegeben stilsichere) Nachäffung von Wolfgang Beltracchi aus heutiger Zeit.
Moderne Nachäffungen? OMG. Wusste man es in den 80ziger Jahren besser? Auch die Musikwissenschaft kommt immer wieder zu neuen Erkenntnissen. Aber bitte sehr, es gibt ja auch Leute, die Glenn Goulds Bach-Interpretationen noch immer für das non plus ultra halten.
Um Deine rhetorische Frage zu beantworten, braucht es zunächst ein bisschen Hintergrundwissen: Die heutige Erkenntnis, dass die Vokalpolyphonie des 16./17. Jh., insbesondere was Falsobordone-Gesänge betrifft, ausgeziert wurde, basiert in erster Linie auf den schriftlich festgehaltenen Fassungen von Allegris Miserere - wegen des besonderen Ansehens dieses Gesangs und der besonderen Aufführungsumstände wurden die Verzierungen in diesem Sonderfall schriftlich festgehalten. Das war bedingt durch zwei Faktoren: 1. Das Werk wurde in beinahe völliger Dunkelheit gesungen, so dass die Musik auswendig gelernt werden musste, und 2. die Musik der Karwoche war die einzige des ganzen Jahres, welche der Chor der Sixtinischen Kapelle probte und nicht nur vom Blatt sang. Folglich kam die Gewohnheit auf, bei der ganztägigen Probe am Montag der Karwoche die Verzierungen in Erinnerung zu rufen und - falls nötig - neuen Sängern beizubringen. Die Existenz der in diesem Zusammenhang entstandenen zahlreichen schriftlichen Fassungen mit Auszierungen und damit die Erkennis, dass Vokalpolyphonie des 16./17. Jh. ausgeziert wurde, wurde erst durch Andrew Parrott und seine Aufnahme von Allegris Miserere bekannt im Kreis der Musiker, die sich der Musik des 16./17. Jahrhunderts widmen. Die von ihm aufgenommene und publizierte Fassung wich aber bewusst in einem Punkt von der historisch korrekten Ausführungsweise ab: Eigentlich wurden für alle Verse die gleichen Verzierungen gebraucht, nur der erste Vers blieb mitunter unverziert. Parrott aber wollte die Entwicklung der Verzierungen vom 17. bis 19. Jahrhundert darstellen, und reihte daher unterschiedliche Versionen aus verschiedenen Quellen aneinander. Und genau diese "musikarchäologische", aber historisch falsche Aufführungsweise wird in der verlinkten Einspielung von dem modernen französischen Ensemble mit nachgeäfft - woran man ganz klar sehen kann, dass Parrotts Fassung ihr Vorbild ist. Aber welchen Sinn macht es, ausgerechnet bei Allegris Miserere irgend welche modernen, pseudohistorischen Verzierungen zu improvisieren, obwohl dieses Stück als einziges mit den historisch entwickelten Verzierungen überliefert ist! Sinnvoll wäre nur, andere Falsobordone-Stücke, die ohne Verzierungen überliefert sind, in analoger Weise zu verzieren wie Allegris Miserere - wobei man sich aber auch entscheiden muss, welchen Verzierungsstil man imitieren will, den des 17., 18. oder 19. Jahrhunderts - alles hintereinander weg ist nicht die historische Aufführungspraxis, die doch eigentlich angestrebt wird, wenn ich es richtig verstehe.
Vor diesem Hintergrund nun die Antwort auf Deine rhetorische Frage: Wusste man es in den 80ziger Jahren besser? Ja, Andrew Parrott wusste es ganz offensichtlich besser als dieses heutige Ensemble, er ist schließlich das Vorbild, welches das Ensemble sinnfrei nachäfft!