Die österreichische Orgelbauerfamilie Mauracher hat ab ca. 1850 das Register Philomela 8' häufig gebaut. Es handelt sich dabei um eine offene Flöte enger Mensur aus Holz mit runden Innenlabien und in den Vorschlag gestochener Windführung. Die tiefste Oktave wurde oft gedeckt ausgeführt. Neben dieser österreichischen Philomela hat es aber seit Mitte des 19. Jh. auch ein englisch-amerikanisches Register Philomela 8' gegeben, das ebenfalls aus offenen Holzpfeifen bestand, die jedoch mit Doppellabien versehen waren und vorzugsweise mit Hochdruckwind angeblasen wurden (das kann man alles nachlesen in dem Registerlexikon "Orgelregister, ihre Namen und ihre Geschichte" von Eberlein).
Zu meinem großen Erstaunen bin ich jedoch auch hier in Köln auf ein Register Philomela 8' gestoßen, das dem österreichischen Register dieses Namens nahe kommt: Es befindet sich in der Klais-Orgel von 1909 in der Kapelle des Marienhospitals gegenüber St. Kunibert in Köln - ein kleines pneumatisches Instrument mit 2 Manualen und 13 Registern, man findet es beschrieben in "Orgeln in Köln" von Karl-Heinz Göttert und Eckhard Isenberg. Es wurde 1949/54 umgebaut, dabei ist die Philomela zu einer Flöte 4' geworden, aber die Pfeifen wurden einfach nur um eine Oktave gerückt und blieben ansonsten unverändert. Es sind offene Holzpfeifen mit halbrunden Innenlabien und Windführung im Vorschlag von klingend c bis g'''; die Fortsetzung bis g4 besteht aus weitmensurierten Metallpfeifen.
Jetzt frage ich mich, woher Johannes Klais 1909 die österreichische Philomela kannte. Er hat das Register dann noch ein paar Mal bis 1911 gebaut - und später nie wieder. War vielleicht ein Mitglied der Familie Mauracher in dieser Zeit als Geselle bei Klais tätig, gibt es vielleicht für diese naheliegende Vermutung irgendwelche Belege?
Philomela 8´ (aus dem Lateinischen, Nachtigall) Eine offene Holzflöte enger Mensur mit runden Innenlabien, die von Matthäus (I., d. Ä.) Mauracher (1818-1884) in Salzburg vor 1858 (erstmals in Maria Kirchental disponiert, 1862 Kollegienkirche, Stadt Salzburg) entwickelt und gebaut wurde. Ähnlich ist das beschriebene Register „Wienerflöte“ von Paul Smets (1901-1960). Eine originale Philomela von Hans Mauracher (1847-1900), 1885, der ehemaligen Hauptorgel in der Franziskanerkirche (bis April 2003) Salzburg, erklingt heute in meiner „Europa-Hausorgel“ im Positif expressif (82 mm/WS; Philomela 8´-4´, Zauberflöte 4´-2´, Oboe 8´). Die Philomela (alle Pfeifen in Holz) klingt im Bass (C-H gedeckt) zart und eher leise und im Verlauf zum Diskant immer kräftiger, sie erinnert mit ihrem esoterischen Klangcharakter an eine filigrane Holztraversflöte. Als Solo(-Melodie-)register für die rechte Hand eignet es sich sehr gut. In Kombination mit der Zauberflöte 4´(in Zinn offen, ab c´ überblasend) oder mit der Voix Céleste 8´ oder Viola da Gamba 8´ (im Récit expr.) erklingen sehr reizvolle Klänge, die an eine Schwebung erinnern, den Tremulanten hinzu gezogen verstärkt den Schwebungs-Effekt; auch mit Zungenregister (z.B. Vox humana/Voix humaine, Krummhorn etc.) lässt sich dieses Register gut kombinieren. Der Orgelbauer Joseph Breinbauer (1807-1882) aus Oberösterreich disponierte die Philomela 8´ auch öfters in seinen Orgeln und baute sie sehr ähnlich wie die von den Maurachers aus Salzburg. In Bayern baute dieses Register Albert Moser (1878-1960) 1919 in der kath. Kirche St. Alto zu Altmünster, wurde 1986 von Orgelbau Sandtner durch ein neues Instrument großteils ersetzt. In England disponierte man die Philomela schon vor 1855 und baute sie als doppellabiierte offene Holz-Soloflöte 8´für das Schwellwerk (William Hill, York Minster). In den USA ab 1864 von Elias und George G. Hook (Mechanics Hall Worcester/Mass) vorzugsweise für das Solowerk gebaut, mit weiter Mensur, doppeltes Labium und mit Hochdruckwind (254 mm/WS, Music Hall Cincinnati) angeblasen. Leider gibt es bei uns in der Salzburger Erzdiözese auch Philomelas die klingen wie typische Hohlflöten (kräftig und voll) und eben genau nicht fein filigran und esoterisch, wie die Originale von Mauracher, weil die heutigen Orgelbauer offensichtlich dieses Register nicht verstehen können/wollen und nach ihren Geschmack umintonierten. Die Orgelbaufirma Klais könnte die Philomela von Breinbauer gekannt haben; zu einem reinen 4´Flötenregister umzufunktionieren und weitmensurierte Metallpfeifen im Diskant ergänzen, entspricht sicher nicht mehr der originalen Philomela so wie sie eigentlich klingen sollte. Und meiner Erfahrung nach in der Praxis, klingt sie als 4´nicht mehr so elegant und ausbalanciert wie als 8´.
Zitat von NaDonnie im Beitrag #2Die Orgelbaufirma Klais könnte die Philomela von Breinbauer gekannt haben; zu einem reinen 4'-Flötenregister umzufunktionieren und weitmensurierte Metallpfeifen im Diskant ergänzen, entspricht sicher nicht mehr der originalen Philomela so wie sie eigentlich klingen sollte. Und meiner Erfahrung nach in der Praxis, klingt sie als 4´nicht mehr so elegant und ausbalanciert wie als 8´.
Johannes Klais hat die Philomela in den Jahren 1909-11 stets als 8' disponiert (z.B. in Bonn, St. Elisabeth 1910 und im Limburger Dom 1911); auch das Exemplar in Köln war ursprünglich ein 8', allerdings ausgebaut bis g4 wegen einer Superoktavkoppel; diese Erweiterung gs3-g4 ist in Metall ausgeführt und original erhalten (mit Inschrift "Filomela"), keine spätere Ergänzung. Der Umbau zur Flöte 4' fand erst 1949/54 statt.
Der Hinweis auf die Familie Breinbauer ist interessant, natürlich käme auch diese Familie in Betracht als Vermittler des Registers an Klais. Freilich stellt sich bei dieser Familie die gleiche Frage wie bei den Maurachers: gibt es irgendwelche Belege für einen Kontakt zwischen Johannes Klais und der Familie Breinbauer oder Mauracher?