Ich möchte in den nächsten Tagen eine Neuaufnahme von Felix Mendelssohn-Bartholdys C-Dur-Präludium (Allegro moderato maestoso) auf YT und Contrebombarde veröffentlichen, von dem ich bisher nur eine knapp 4 Jahre alte Physis-Aufnahme (an der selbst-intonierten Gloria Concerto 234) veröffentlicht habe.
Ich habe von diesem Stück 2 Hauptwerk-Aufnahmen gemacht:
Man könnte meinen, dass eine romantische Orgel für Mendelssohn besser geeignet ist, noch dazu eine so berühmte, andererseits klingt dieses Präludium auch auf der niederländischen Barockorgel überraschend gut, ich kann mich jetzt wirklich kaum entscheiden. 🤔
Deshalb frage ich euch nun: Welche der beiden Aufnahmen gefällt euch besser ? Ich könnt mir verbal antworten und eure Entscheidung begründen und anonym abstimmen, am besten beides.
Ich ziehe die Aufnahme auf der virtuellen Orgel in Kampen vor - sie klingt klarer und ähnelt stark im Klang der Engelhardt-Orgel von 1845 in Herzberg/Harz (siehe hier), die ich gut kenne und die mir als die ideale Mendelssohn-Orgel erscheint (Jean-Baptiste Robin hat seine ausgezeichnete Mendelssohn-Gesamteinspielung teilweise auf dieser Orgel gespielt, teilweise auf der Silbermann-Orgel der Petrikirche Freiberg; was wo eingespielt wurde, ist erstaunlicherweise klanglich kaum zu unterscheiden, beide klingen im Charakter gleich und enorm passend!)
ich kann mich da nicht entscheiden (Speakerphon-Qualität). Was die Passung der Orgeln angeht: Mendelssohn schrieb das Präludium vor 1840 in seiner Leipziger Zeit (?), hat es im Original also sicher auf keiner dieser Orgeln gespielt. Vermutlich standen 1835-1840 in Leipzig und anderswo damals nicht nur moderne Orgeln herum, sondern auch welche, die schon ein paar Jahrzehnte älter waren. In der Thomaskirche stand damals beispielsweise im Kern noch die Orgel, die auch Bach zur Verfügung hatte (siehe hier - klick). Insofern wäre vielleicht eine spätbarocke Orgel sowieso auch passend, zumal diese in den Manualen durchaus üppig mit 16'- und 8'-Registern ausgestattet waren (im Gegensatz zu den neobarocken Orgeln des letzten Jahrhunderts).
Nicht nur standen zu Mendelssohns Zeiten zahllose barocke Orgeln in den Kirchen (von ca. 1795 bis ca. 1820 kam der Bau von neuen Orgeln der Kriege und Missernten wegen fast völlig zum Erliegen!), Mendelssohn bekam auch seinen Orgelunterricht bei August Wilhelm Bach auf der (veränderten) Wagner-Orgel von 1722 in der Marienkirche in Berlin.
Vor allem aber hat Mendelssohn mindestens einmal sehr deutlich seine orgelklanglichen Vorlieben gezeigt: 1845 komponierte er Teile der Orgelsonaten während eines Aufenthaltes bei seinem Freund Dr. Fritz Schlemmer in Frankfurt/Main. Zusammen mit ihm erprobte Mendelssohn Registrierungen für die gerade entstehenden Orgelsonaten - und auf welcher Orgel? Nicht etwa auf der damals wahnsinnig berühmten und geschätzten Orgel von Walcker 1833 in der Paulskirche, sondern auf der 1778 erbauten Stumm-Orgel der Katharinenkirche! Und auf dieser Barockorgel spielte Mendelssohn dann auch die Uraufführung der Sonaten. Im Sommer des Jahres 1845 spielte Mendelssohn dann die Orgelsonaten seinem Freund Emil Naumann vor - wiederum an einer Stumm-Orgel, nämlich auf der 1802 erbauten Orgel der Johanneskirche in Kronberg/Taunus. Mendelssohn hatte offenbar eine Vorliebe für spätbarocke Orgeln!
Man mag sich fragen, warum er um die damals ganz moderne und klanglich absolut zukunftsweisende Orgel in der Frankfurter Paulskirche offenbar einen weiten Bogen gemacht hat. Der Hauptgrund könnte gewesen sein: Die Orgel stand in einem Rundbau mit Überakustik, auf dieser Orgel waren Fugen und andere polyphone Strukturen ein klangliches Chaos - und obendrein war diese Orgel ihrer Größe wegen ziemlich schwergängig, an virtuoses Spiel war also nicht nur der Akustik, sondern auch der Traktur wegen kaum zu denken!
Entsprechend hätte Mendelssohn seine Werke auch auf der Ladegast-Orgel im Schweriner Dom mit seiner Überakustik wahrscheinlich nicht gerne gespielt.