Bei YT mache ich immer wieder ungeahnte Entdeckungen ! Heute bin ich (ohne danach zu suchen) auf den Kanal eines jungen Studenten gestoßen, der sich selbst als "an amateur composer with no formal musical education" bezeichnet, was aber in meinen Augen und Ohren Understatement vom Feinsten ist:
Seine Kompositionen (oder ist dabei vielleicht gar KI im Spiel ?) klingen verblüffend nach Bach und dürften den barocken Vorbildern (sofern ich das beurteilen kann) auch qualitativ in nichts nachstehen.
Hier kann man die Noten zu seinen Kompositionen gratis downloaden: J.M KING bei Musescore
Leider sind die Aufnahmen bei YT nicht live gespielt, sondern nur MIDI-Dateien in mittelmäßiger Audioqualität.
Okay, Axel wird jetzt vielleicht sagen, das sind nur Stilkopien, "epigonales Gedudel ohne Originalität", aber ich finde diese Kompositionen (falls sie nicht mittels KI erstellt wurden) - wenngleich "nur" Stilkopien - mindestens grenzgenial.
Das Problem eines Komponisten: sobald ich nicht einen eigenen Stil erzeuge, der sich womöglich dann auch noch irgendwann durchsetzt oder zumindest anerkannt wird, gelte ich als Epigone desjenigen Komponisten, dessen Stil meine Kompositionen am ähnlichsten sind. Diese Sichtweise hat nichts bzw. nur bedingt etwas mit der Qualität meiner Kompositionen zu tun.
Darüber hinaus hat man zB im Fernen Asien einen anderen Zugang, was das "kopieren" eines Stils betrifft, als in Europa: Ist es in unseren Breiten eher verpönt etwas zu kopieren, als auch hier Urheberrechte geltend gemacht werden, gilt es im Asiatischen Raum als "Ehre" kopiert zu werden. Das ist dort ein grundsätzlich anderer Zugang betreffend Kopieren(Imitieren) eines anderen. So vermag es auch niemand zu verwundern, dass manche chinesische Automarken gewissen europäischen Automarken zum Verwechseln ähnlich sehen.
Hier in Europa war die Einstellung zum "Kopieren" eines Stiles bis gegen 1800 ganz ähnlich wie heute noch in Asien. Zum Beispiel schrieb der Bach-Zeitgenosse Johann Adolph Scheibe in seinem "Compendium musices" von ca. 1728-36, dass es wichtig sei, als Komponist einen "fermen Stylum" (Stilsicherheit) zu entwickeln; zu dessen Erlangung empfahl er: "Die Nachahmung anderer trägt bey ungewißen Gemüthern auch zu Erlangung deßen [eines fermen Stylum] nicht wenig bey. Hierbey aber muß er sich allezeit die Arbeit eines einzigen berühmten Componisten zum Muster dienen laßen. Denn wenn er viele nach ahmen will entstehet zulezt ein nicht geringe Unordnung in seinem Vortrag, indem bald ein Tackt wie dieses, ein anderer wie jener seine Arbeit klinget, welche doch offtmahls auf die mercklichste Art von der Welt von einander verschieden ist." In buchstäblich jeder Kompositionslehre des 15. bis 18. Jahrhunderts wird den Kompositionsschülern dringend empfohlen, sich die Werke berühmter Komponisten zum Muster zu nehmen und sie nachzuahmen!
Im späten 18. Jahrhundert florierte zudem die sogenannte "Nachahmungsästhetik", die auf Charles Batteux "Les Baux-Arts réduits à un seu principe" (Paris 1746) zurückgeht. Sie fußt auf einer Betrachtungsweise von Aristoteles, wonach alle Künste eine Nachahmung der Natur seien - Originalität spiele somit in der Kunst überhaupt keine Rolle. In Deutschland wurde diese Nachahmungsästhetik u.a. von Johann Georg Sulzer vertreten, der in seinem Werk "Allgemeine Theorie der schönen Künste" von 1771-74 im Artikel "Nachahmung" schreibt: "Alles was hier über die Nachahmung der Natur gesagt worden, kann auch auf die Nachahmung fremder Werke der Kunst angewendet werden. ... Die allgemeine Nachahmung großer Meister besteht darin, daß man sich ihre Maximen, ihre Grundsätze, ihre Art zu verfahren zueigne, in sofern man einerley Absicht mit ihnen hat. Bey ihnen kann man die Kunst studiren, so wie sie dieselbe in der Natur studiert haben."
Das änderte sich erst unter dem Einfluss von Immanuel Kants "Kritik der Urteilskraft" Band 2, publiziert 1790. Er postulierte dort, dass für Kunst keine exakten Regeln formulierbar seien, dass der Künstler daher die Regeln selbst schaffen müsse, also "original" sein müsse, dass das Talent dazu "Genie" heiße, dass mithin Kunst nur als Produkt des Genies möglich sei. Dort steht unter anderem der Satz "Welcher niemals etwas mehr als bloß lernen und nachahmen kann, heißt ein Pinsel." Allerdings stieß Kant damit zunächst auf heftigen Widerspruch, z.B. antwortete Johann Gottfried Herder in seiner "Kalligone" von 1800 auf diesen Satz: "Das heißt er nicht, wenn er treu lernte und genau nachahmet; er kann mit seinem Gelernten, mit seiner treuen Nachahmung des Schönsten und Besten ein vielwissender, geschickter, nützlicher Mann seyn, oder ganze Facultäten und Schulen wären Berufs-mäßig Pinsel."
Trotzdem hat sich Kants Sicht im Laufe des 19. Jahrhunderts in Europa durchgesetzt - die heutige Krise der "E-Musik" ist eine direkte Folge davon. Die Popmusik, die sich nie um Kant geschert hat und weiter munter nachahmt und kopiert, hat von dieser Krise profitiert und im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert die E-Musik zunehmend verdrängt.
Zitat von Romanus im Beitrag #1Okay, Axel wird jetzt vielleicht sagen, das sind nur Stilkopien, "epigonales Gedudel ohne Originalität", aber ich finde diese Kompositionen (falls sie nicht mittels KI erstellt wurden) - wenngleich "nur" Stilkopien - mindestens grenzgenial.
Zumindest bin ich da skeptisch. Das Bild wirkt jetzt zu KI generiert und austauschbar, der Kanal und Musescore Account wirft zumindest Fragen auf. Als Komponist würde ich zumindest auf Fragen und Wertschätzung meiner Zuhörer reagieren und vielleicht einmal ein Herz oder Kommentar hinterlassen... Es wirkt also sehr synthetisch, oder er ist ein Autist mit mangelhafter Sozialer Kompetenz...
Natürlich habe ich auch schon daran gedacht, dass hier alles nur Fake sein könnte, einschließlich Foto und Name "J.M KING". Das Foto z.b. ähnelt eher einem Rapper als einem Fan barocker Polyphonie. Aber kennt ihr eine Software, mit der man derart perfekte Bach-Stilkopien produzieren kann ? Die Software tonica bzw. in der älteren Version "Tonica fugata" aus der Capella-Familie ist zu so etwas meines Wissens nicht fähig.