Dass man als Organist Choräle bei der Begleitung des Gemeindegesanges textbezogen artikulieren soll, lernt man ja in der Kirchenmusikschule. Einer meiner Orgellehrer hat mir mal gesagt: "Man soll bereits an der Artikulation den Text erkennen."
Aber wie sieht es eigenlich bei Choralvor- und -Nachspielen, insbesondere bei kunstvollen Choralbearbeitungen historischer Komponisten (z.b. Bachs "Orgelbüchlein") aus, bei denen es ja auch immer einen Text zur jeweiligen Choralmelodie gibt ? Macht es bei solchen Stücken auch Sinn, die Melodie textbezogen zu artikulieren oder steht bei solchen Stücken vielmehr die rhythmische Struktur der Musik im Vordergrund ?
Ich persönlich finde, dass die textbezogene Artikulation auch hier Sinn macht, deshalb spiele ich z. B. bei Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ BWV 639 bei der Wiederholung des 1. Teiles (passend zum Text "verleih mir Gnad zu dieser Frist") das c2 des Auftaktes und das as1 des 1. Taktes legato, was man ja normalerweise bei Auftakten nicht machen soll (außer es steht explizit so in den Noten). Aber das ist natürlich nur meine bescheidene Meinung.
Wie geht ihr an die Artikulation solcher Choralbearbeitungen heran ?
Mache ich eher nicht. Einerseits merkt es keiner, andererseits ist man oft nicht ganz sicher, welche Strophe gemeint ist, man denke nur an die 3 Versionen von "Nun komm der Heiden Heiland" aus den Leipzigern. Was ich allerdings tatsächlich auf dem Schirm habe: Wenn jemand mit rhetorischen Figuren komponiert, Buxtehude z.B., dann habe ich schon den Text dabei und versuche zu verstehen, was er gemeint haben könnte. Evtl. kann man ja etwas zur Verdeutlichung tun.