Schon vielfach gehört, wurde schon fast langweilig, aber dann diese Version gefunden: ruhig, transparent, einfühlsam und auch noch an einer "Bach-Orgel" in Arnstadt !
Zufällig habe ich mir am vergangenen Freitag das Sampleset dieser Orgel gegönnt! Leider verfüge ich nicht über die Fähigkeiten dieses Organisten, sonst könnte man ja glatt eine Aufnahme mit dem Set gegenüberstellen.
Absolut aus mehreren Gründen: Schon allein das gespielte Instrument ist eine Faszination für sich und sein Klang ist einzigartig und unerreicht. Jeder Ton ist sorgfältig und sensibel gespielt. Foccroulle´s angemessene Tempi und kreative Registrierungen bringen sowohl die Eleganz der Musik als auch die Klangschönheit des Instrumentes ideal zur Geltung.
Einziger Kritikpunkt: Die Wehmut der Passionszeit scheint bei dieser farbenprächtigen Interpretation völlig zu fehlen. Ich muss zu meiner Schande gestehen: Früher (viel früher !!!), als ich von Liturgie noch keine Ahnung und den Choraltext nicht gelesen hatte, habe ich mir diese Aufnahme gern zum Christbaumschmücken und in der Weihnachtszeit angehört und fand diese Musik passend.
(Man möge bitte die völlig unpassenden Bilder bei diesem Video ignorieren, keine Ahnung, was sich der Uploader dabei gedacht haben mag ! 🤦♂️)
Bei Foccroulle stört mich trotz der ansonsten überzeugenden Spielweise der zu häufige Gebrauch des Tremulanten. Den Eingangschoral würde ich auch nicht mit Organo Pleno spielen.
Ich finde, diese Registrierung bringt den 4-stimmigen, harmonisch höchst raffinierten Choralsatz sehr schön transparent-leuchtend zur Geltung. Bei einer Orgel, die so grundtönig intoniert ist wie die Ottobeurer Dreifaltigkeitsorgel (was ich ja auch sehr schön finde !) würde der 4-stimmige Satz nur mit Hauptwerks-Princip 8´+ Pedal-Princip 16´ für meinen Geschmack etwas zu dumpf rüberkommen.
Bei der letzten Variation der Choralpartita registiert Foccroulle ein gravitätisches, gekoppeltes Plenum (im Hauptwerk auf 16´-Basis), sodass bis zum Schluss eine eindrucksvolle Steigerung zu hören ist.
Ich möchte zwar nicht besserwisserisch erscheinen, muss Dir aber mit zwei Argumenten entschieden widersprechen.
Foccroulle spielt keineswegs ein "kleines Plenum", sondern fährt das ganze Prinzipal-Bukett auf, über das die Dreifaltigkeitsorgel Ottobeuren im Hauptwerk verfügt, sogar mit beiden Mixturen (soweit man das bei der eingeschränkten Qualität der Aufnahme erkennen kann), wenn auch ohne angekoppeltes Positiv. Mehr an "plenarischem" geht da nicht. Unter einem "kleinen Plenum" würde ich ein "Vorplenum" verstehen, bei dem zur Prinzipalbasis auf 8', 4' und 2' nur noch - soweit vorhanden - Quinten bis zur 1 1/3-Lage oder eine Rauschpfeife hinzugefügt sind, repetierende Micturen aber weggelassen werden.
Wichtiger aber ist mein zweiter Hinweis: Man schaue sich doch mal den Text des Liedes an, nachzulesen unter https://www.berndkolb.ch/Bachseite/BWV701_800/BWV768.htm Nun handelt es sich bei Bachs Choralpartiten sicher nicht um Textausdeutungen, wie sie dann etwa im Orgelbüchlein prägnant auftauchen. Auch spricht die Zahl von 11 Sätzen der Partita im Vergleich mit 7 Textstrophen nicht für eine direkte Beinflussung des Komponisten durch den Text. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Bach ohne Kenntnis des textlichen Hintergrundes und der liturgischen Einordnung dieses Liedes diese großartige Partita komponiert hat (die er im übrigen in späterer Zeit nochmals überarbeitete!). Der Eingangschoral greift aus meiner Sicht den Text auf, den ich hier zitieren will: Sei gegrüßet, Jesu, gütig über alle Maß sanftmütig, ach! wie bist du so zerschmissen und dein ganzer Leib zerrissen? Lass mich deine Liebe erben und darinnen selig sterben.
Würde man denn die Sanftmut Jesu, seine körperliche Zerissenheit und den Wunsch, selig zu streben, mit einem Mixturplenum darstellen? Das passt wie die Faust aufs Auge. Zusammenfassend: Bernard Foccroulle spielt zwar technisch genial, aber völlig am Text vorbei!
Ich habe ja schon gesagt, dass die Wehmut des Liedtextes in dieser Interpretation fehlt, dessen bin ich mir voll bewusst, Bernard Foccroulle hat einfach nur schöne Musik gemacht. Die o.g. Registrierung ist übrigens im Booklet der CD genauso angegeben, ich habe mich da nicht auf mein Gehör verlassen. Und gemessen an der Größe dieser Orgel ist das für mich ein "kleines Plenum".